Objektbereich

Gegenstand der am Standort Bielefeld durchgeführten Untersuchungen sind die laikalen metasprachlichen Äußerungen der Gewährspersonen. Diese enthalten Informationen zur persönlichen oder durch andere vermittelte Spracherfahrungen und Sprachbewertungen sowie zu laienlinguistischen Wissensbeständen zu morphologischen, syntaktischen und lexikalischen Strukturen, zu phonetischen Auffälligkeiten, zu Sprachwandel- und Sprachersetzungsprozessen, zu Arealität, zu Sprachverschiedenheit, zu pragmatischen Gesichtspunkten u.v.a.m.

Leistung

Die elizitierten laikalen metasprachlichen Äußerungen sind unverzichtbare Interpretationshilfen bei der Auswertung objektsprachlicher Daten und ermöglichen darüber hinaus Darstellungen und vergleichende Analysen:

  • von Erwerbs-, Verlust- und Erhaltungsprofilen des Niederdeutschen sowie Erwerbsprofilen der hochdeutschen Standardvarietät
  • von Sprechertypologien sowie sprachlichen Orts- und Regionalprofilen
  • von Sprachgebrauchspräferenzen von Basisdialekt, Standarddeutsch und dazwischen liegenden Sprachlagen in verschiedenen Domänen und unterschiedlichen Situationen
  • von Einstellungen zu den einschlägigen Varietäten und Sprachlagen und ihren Sprachbenutzern
  • von sprachlichen Auto- und Heterostereotypen

Bezug zum Gesamtkorpus

Innerhalb des SiN-Korpus (vgl. Datenerhebungs- und -aufbereitungsphase) finden sich laikale metasprachliche Äußerungen zwar zuvörderst in den erhobenen Sprecherbiographien, sie lassen sich aber auch in anderen Teilen des Korpus in unterschiedlicher Frequenz, Verteilung und Dichte nachweisen wie z.B. in den Tischgesprächen und den Kommentaren zu den Übersetzungsaufgaben und der Testbatterie.

Analyseinstrumentarium

Zum Auffinden und zur Analyse einschlägiger Äußerungen wurde ein spezielles, auf inhaltsanalytischen Verfahren basierendes Werkzeug entwickelt und in einem zweiten Schritt digital umgesetzt. Wichtigstes Strukturmerkmal des Instruments sind hierarchisch geordnete Kategorien, denen die einschlägigen metasprachlichen Äußerungen zuzuordnen und die zum Zwecke der Annotation dieser Äußerungen mit Siglen versehen sind. Die Annotation erfolgte mit Hilfe des EXMARaLDA Partitur Editors, welcher die Möglichkeit bietet, eigene Tagsets zu erstellen und in einem Annotation Panel für die Annotation zu nutzen.

Die folgende Graphik zeigt einen Ausschnitt des Annotation Panels und verdeutlicht die hierarchische Struktur des Tagsets. So beinhaltet die Oberkategorie Fokus bspw. die Kategorien Eigen, Fremd und Allgemein, welche erfassen, auf wen sich ein metasprachlicher Kommentar bezieht - auf die Gewährsperson selbst, eine andere Person oder die Allgemeinheit (vgl. Vorstellung der Oberkategorien in den folgenden Abschnitten).

Annotationswerkzeug des EXMARaLDA Partitur Editors.png

Ausschnitt des Annotationswerkzeugs des EXMARaLDA Partitur Editors
(Beispiele und wichtigste Indikatoren für eine Kategorie werden im unteren Abschnitt angezeigt)

Die Zuordnung von metasprachlichen Äußerungen zu bestimmten Kategorien erfolgt in der Regel durch die in diesen Äußerungen enthaltenen sprachlichen Indikatoren wie z.B. verba dicendi, nomina propria für natürliche Sprachen und lokale oder temporale Adverbien. Zumeist ermöglichen allerdings erst Indikatoren-Cluster eine sichere Zuordnung. Schließlich sind bei der Analyse von komplexen metasprachlichen Äußerungen einzelne Kategorien ggf. mehrfach anzuwenden.

Ausgegangen wird von fünf Oberkategorien, denen weitere Kategorien hierarchisch untergeordnet sind. Es sind dies: Fokus, Epistemischer Status, induzierte Äußerungen, Thematischer Bereich, Thema.

Fokus

Definition: Referenz auf Personen und ihre metasprachliche Wissensbestände.

Unterkategorien: eigen, fremd und allgemein.

Leistung: Klärung der Frage, ob für eine Gewährsperson noch eine gelebte, auf eigener Erfahrung beruhende Beziehung zum Niederdeutschen besteht oder ob es sich hier nur um eine vermittelte Erinnerungskultur handelt.

Epistemischer Status

Definition: Epistemischer Status einer metasprachliche Äußerung aus der Perspektive einer Gewährsperson.

Unterkategorien: Wissen, Glauben, Nicht-Wissen, Unbestimmt.

Leistung: Beantwortung der Frage, also ob es sich bei einer metasprachlichen Äußerung um Tatsachenbehauptungen oder um eine Äußerung mit einer epistemischen Vagheitsmarkierung handelt. Die Kategorisierung gibt Auskunft darüber, ob und wenn ja mit welcher Stabilität metaprachliches Wissen im Wissensbestand einer Gewährsperson verankert ist.

Induzierte Äußerungen

Definition: Metasprachliche Äußerungen, die durch die Stimuli eines Tests und/oder durch Suggestivfragen und –Äußerungen des Explorators evoziert werden.

Leistung: Erhebung von Äußerungen zur Erhebungssituation seitens der Gewährsperson. Äußerungen dieser Art sind Teil des Interpretationsrahmens bei der Dateninterpretation.

Thematischer Bereich

Definition: Allgemein gehaltenes Themenfeld, welchem eine metasprachliche Äußerung zuzuordnen ist.

Unterkategorien: Sprachgebrauch, Sprachliche Sozialisation, Sprachwandel, Sprachbewertung, Arealität,Sprachnorm oder Grammatische Phänomene (im weitesten Sinne) u.a.m.

Spezifische Leistungen entsprechend den Unterkategorien. So erlauben z.B. unter der Kategorie Sprachliche Sozialisation Äußerungen die Rekonstruktion von Spracherwerbsbiographien, die sowohl unter individuellen als auch unter vergleichenden Gesichtspunkten untersucht werden können.

Thema

Definition: Im Vergleich zur Kategorie Thematischer Bereich spezifiziertes Themenfeld, welches je nach Äußerung einer Unterkategorie des Thematischen Bereichs zuzuordnen ist.

Analysebeispiel

Auszug aus dem Annotationshandbuch:


Arealität (ThbArl). Äußerungen zur Arealität realisieren notwendigerweise den Topos des Ortes.

Wichtigste Indikatoren:
  • Ortsadverbien wie hier oder dort
  • Toponyme verschiedener Art wie z.B. Städtenamen, Landschaftsnamen oder Landesnamen
  • Nomina propria für Sprachen und sprachliche Varietäten
  • Objektsprachliche Einheiten

Beispiel: In Dortmund sagen sie ‚woll’, und hier sagen sie ‚ne’.


Wie bereits erwähnt erfolgt die Annotation relevanter Textstellen mit Hilfe des EXMARaLDA Partitur Editors, welcher es erlaubt, eigene Tagsets anzulegen. In obigem Beispiel der Arealität wurde das Tag ThbArl verwendet, welches die Information zur Oberkategorie Thematischer Bereich (Thb) und der Kategorie Arealität (Arl) selbst enthält.

Ein Beispiel für eine Annotation des Thematischen Bereichs Arealität ist in der folgenden Graphik abgebildet (fahren Sie mit der Maus über einzelne Bereiche der Graphik, um detaillierte Informationen zu erhalten):

Annotation von Arealität im EXMARaLDA Partitur Editor

"ne also wir hier sagen ik mik und im Raum Wietzendorf da sagen die i mi also die lassen einfach das k weg"
Annotation eines metasprachlichen Kommentars im EXMARaLDA Partitur Editor

Zum späteren Wiederauffinden und zur Analyse der Annotation bietet das System EXMARaLDA mit EXAKT (EXMARaLDA Analyse- und Konkordanztool) ein weiteres sehr nützliches Werkzeug, mit dessen Hilfe sich komplexe Suchanfragen formulieren lassen und Kombinationen von Transkriptionen und Annotationen auffinden lassen, die quantitativ und qualitativ ausgewertet werden können.

Personen- und Ortsprofile

Für eine systematische Analyse einzelner Aspekte, die bei der Erstellung und Identifikation von Sprecherprofilen helfen sollen, wurde eine umfangreiche Tabelle in Microsoft Excel erstellt. Diese enthält sowohl Äußerungen der Gewährspersonen, die der qualitativen Inhaltsanalyse dienen sollen, als auch davon abstrahierte Typisierungskategorien, die Kohärenzen zwischen den einzelnen Personen aufzeigen und quantitative Analysen ermöglichen.

Ausschnitt aus Excel-Tabelle

Ausschnitt aus Excel-Tabelle

Ein wichtiger Parameter zur Erklärung der Unterschiede spezifischer Personenprofile ist die Dialektstärke einer Region. Bemisst man die Dialektstärke nach vier verschiedenen Stufen (dialektstark, mittelstark, mittelschwach, schwach, Basisdialekt praktisch nicht mehr nachweisbar) so ergibt sich folgendes, auf einschlägigen Untersuchungen und Schätzungen seitens des SiN-Projekts beruhendes Bild:

Grundkarte Dialektstärke

Angenommene Dialektstärken der Erhebungsregionen
(dialektstark, mittelstark, mittelschwach, schwach, Basisdialekt praktisch nicht mehr nachweisbar)

Setzt man die metasprachlichen Äußerungen der Gewährspersonen mit anderen subjektiven Sprachdaten und objektsprachlichen Daten in Beziehung, so ergeben sich sehr deutliche Korrelationen. Es zeigt sich, dass eine Reihe von Datenrelationen je nach Dialektstärke eines Ortes bzw. einer Region ein recht unterschiedliches Bild erkennen lassen. Dies gilt z.B. für die metasprachlichen Äußerungen und zahlreiche mental maps (vgl. Projektbeschreibung Potsdam).

Eine umfangreiche Publikation der Ergebnisse der am Standort Bielefeld durchgeführten Forschungen wird im Jahre 2013 im Akademie-Verlag, Berlin erscheinen.