Assimilation von -nd-

Die Assimilation von inlautendem -nd- (Kinder > Kinner, anders > anners) ist eine in weiten Teilen des niederdeutschen Sprachraums verbreitete Lauterscheinung. Die Karte zeigt diese Verbreitung im arealen und diachronen Vergleich. Jeweils das linke Symbol gibt den prozentualen Anteil assimilierter Formen in den Wörtern 'Kindereien' und 'anders/andere' in den historischen Wenkerbögen von 1880 an (belegt durch Schreibungen wie Kinnerien, Kinnerkram, anners usw.). Jeweils das rechte Symbol verweist auf die Realisierungen dieser Referenzwörter in den Aufnahmen des SiN-Projekts (2007-2010).
Das Kartenbild zeigt, dass die assimilierte Aussprache vor allem im gesamten Norden (Schleswig, Dithmarschen, Holstein, Nordhannover) und Nordosten (Mecklenburg-Vorpommern, Mittelpommern, Nordbrandenburg) sowie im emsländisch-oldenburgischen Raum dominiert (meist 90-100%). In Westfalen, im Münsterland, in Nordostfalen und Ostfriesland liegen die Werte teils nur zwischen 30 und 80 %. Am seltensten (0-20%) treten die Assimilierungsvarianten am Niederrhein, in Südostfalen und Süd- und Mittelbrandenburg auf. Hier wird meist die standardkonforme Form bzw. [nd] gebraucht. Ausnahmen bilden die Orte Oedt und Bracht am südlichen Niederrhein, wo statt der assimilierten [n]-Aussprache die Variante [ŋ] verbreitet ist ("rheinische Gutturalisierung"), wie in angere 'andere' und Kenger 'Kinder'. Im Vergleich der historischen Wenkerbögen mit den modernen Aufnahmen kann konstatiert werden, dass der traditionelle basisdialektale Lautstand bei diesem Merkmal weitgehend bewahrt geblieben ist. In den Regionen mit starker Dominanz der Graphie in den Wenkerbögen dominieren auch heute noch die assimilierten Formen.
Ein bemerkenswerter Wandel ist hingegen auf der lexikalischen Ebene festzustellen. Während in den historischen Wenkerbögen das Vorgabewort 'Kindereien' zu 83,7% durch ein entsprechendes Derivatum wiedergegeben wird (Kinnerie, Kinneree, Kengerei, Kinderie, Kinneriggen usw.), zu 11,0% durch ein Kinder-Kompositum (Kinnerkram, Kingerdinge, Kinderspil, Kinnerspill, Kinnastreich, Kinderwark) und nur gelegentlich (5,3%) durch andere Synonyme (Alwere, Blagerien, Dummhede, Weiterein), werden in den modernen Wenkeraufnahmen etwa fünfmal so häufig (25,0%) andere Synonyme gebraucht (Albereien, Blagerien, Blagekroom, Blödsinn, Dummheiten, Firlefanz, Kinkerlitzkes, Quatz, Schawelunder, Speelkes, Spijöök, Spijökenkraam, Tüdlein, Tütenkroom), zu 19,1% Kinder-Komposita (Kinnerkram, Kinderquatz, Kinnerspeel, Kindertüüch) und nur noch zu 55,9% die strukturanalogen Derivata. Hier zeigt sich eine auch in anderen Bereichen beobachtbare Tendenz zu einer betont umgangssprachlichen Ausdrucksweise, ein Bemühen um Dissimilation gegenüber dem Standarddeutschen, was als Indiz für eine Umwertung des Dialekts von einer selbstverständlich gebrauchten, unmarkierten Alltagsvarietät zu einer stilistisch markierten, mit dem norddeutschen Hochdeutsch kontrastierenden Varietät gedeutet werden könnte.